Pause

Liebe Schwiegermutter,

in letzter Zeit bin ich sehr oft ziemlich fertig wenn ich nach Hause komme. Ich habe mir zwar vorgenommen Dir regelmäßig zu schreiben (oder auch nicht, ich bin immer noch nicht sicher als was das hier zählt), aber zur Zeit kann ich einfach nicht die notwendige Konzentration aufbringen. Vielleicht klappt es in einiger Zeit wieder.

Lena

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Auszug

Liebe Schwiegermutter,

die letzten Wochen waren ziemlich turbulent. Das brauche ich Dir nicht erzählen, denn Du warst an vorderster Front mit dabei. Letztendlich hat die ungeliebte Schwiegertochter doch Deinen Sohn verlassen. Dass sie damit auch Deine Enkelkinder etwas aus Deinem Einflussbereich entfernt hat trifft Dich natürlich besonders.

Ich kann mir das Drama aus der Ferne das Drama nur nacherzählen lassen, während Du den lauten Streit nebenan hautnah miterlebt hast. Sohn und Enkel haben Dir sicher ihre Version erzählt, was Dich sicher in Deiner vorgefassten Meinung zur Schuldfrage bestärkt hat.

Ich habe mir zwar vorgenommen offener mit Dir über meine Beobachtungen zu sprechen, aber in dem Fall werde ich mich doch noch zurückhalten bis die Emotionen abgekühlt sind. Denn, ganz ehrlich, ich möchte nicht ihren Platz einnehmen und als nächstes Deine geballte Kritik abbekommen.

Im Nachhinein ist es natürlich leicht zu behaupten, dass ich das habe kommen sehen. Ich hätte nur gedacht, dass es ein paar Jahre früher passiert. Gleichzeitig fühle ich mich so hilflos. Außer meinem Schwager und den Kindern ein offenes Ohr anzubieten gibt es nichts was ich tun kann.

Und neben den direkt Betroffenen tust auch Du mir leid. Innerhalb von weniger als einem Jahr hast Du sowohl Deinen Mann verloren als auch den regelmäßigen Kontakt zu den Enkeln in der Nähe, die Dir das Gefühl gegeben haben gebraucht zu werden.

Was tun mit diesem Scherbenhaufen? Es tut auch aus der Ferne weh. „Besser ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende“ ist so ein blöder Spruch der mir dazu einfällt. Ich hoffe sie können sich in den wichtigen Dingen einigen und lassen ihre Kinder nicht noch mehr unter der Situation leiden.

Ich werde vor den Kindern nicht schlecht über ihre Mutter sprechen, und das auch meinem Schwager sagen. Hoffentlich schaffst Du das auch, selbst wenn Du Dir sicher bist, dass sie die alleinige Schuld an der Trennung trägt. Wenn wir gegen sie „hetzen“ wirkt sich das sicher nicht gut auf ihre Kooperationsbereitschaft aus.

Lena, hilflos

Schreiben

Liebe Schwiegermutter,

jetzt habe ich schon eine Weile nicht mehr an Dich geschrieben. Nicht, dass mir die Themen ausgehen, es ist eher so, dass sie noch eine Weile reifen müssen bevor sie fertig ausformuliert sind.

In der Zwischenzeit habe ich mir Gedanken darüber gemacht warum ich blogge. Zu einem richtigen Ergebnis bin ich noch nicht gekommen, der Denkprozess ist sozusagen noch nicht abgeschlossen.

Unsicher bin ich mir auch, ob ich will dass Du diese Seiten irgendwann zu Gesicht bekommst. Lieber nicht. Oder erst, wenn ich genug daran gefeilt habe. Ob ich es schaffe alles zu entfernen, das Du als Angriff sehen könntest? Aber dann bleibt vermutlich nicht allzuviel übrig.

Lena

Hoffnung

Liebe Lena,

gib die Hoffnung auf!

Nein, damit ist nicht gemeint, dass Du jetzt verzweifeln und in Depressionen verfallen sollst. Aber diese Hoffnung, dass sich alles zum Guten wendet, wenn Du nur fest genug daran glaubst, die lähmt Dich nur.

Wenn Du immer nur hoffst, dass Du morgen die Energie und Motivation hast, die Dinge endlich anzupacken, dann bleiben sie immer liegen. Hör‘ also auf zu hoffen und fang‘ an zu handeln!

Wenn Du nur in Gedanken und anonymen Briefen an Deine Schwiegermutter schreibst, und dabei hoffst, dass sie doch endlich sieht und versteht wie Du Dich fühlst, hindert Dich das daran, tatsächlich mir ihr über Deine Gefühle zu sprechen.

Die Geschichte von dem Mann, der sich bei seinem Nachbarn einen Hammer leihen wollte, fällt mir dazu ein. Nachdem er an der Tür geklopft hat und wartet, verstrickt er sich in seinen eigenen Vorstellungen, dass der andere ihm sowieso nicht helfen würde, weil er am Tag zuvor nicht gegrüßt hat, oder ähnliches. Als der Nachbar endlich die Tür öffnet, brüllt er ihn an, er könnte sich seinen Hammer sonstwohin stecken.

Bei Dir läuft das eher umgekehrt, dass Du in Deinen Gedanken bereits alle Zwistigkeiten beigelegt hast, und bei der nächsten Begegnung wieder alles gut ist. Dabei hat das klärende Gespräch tatsächlich nur in Deinem Kopf stattgefunden. Dass geht aber nur so lange gut, wie Dein Gegenüber keinen Zwist wahrgenommen hat, oder dem keine Bedeutung beigemessen hat, oder die Angelegenheit auch mit sich selbst geklärt hat. Andernfalls kommt Deine „alles OK“-Einstellung wie Heuchelei an und ist genauso unerklärlich, wie der Wutausbruch des Mannes aus der Geschichte.

Spring‘ endlich über Deinen Schatten und riskier‘ die offene Auseinandersetzung. Wie sollt Ihr sonst erkennen können, woran Ihr miteinander seid?

Deine Lena

Workoholic

Lieber Schwager,

jedes Mal wenn wir zu Besuch sind, hast Du unheimlich viel zu tun. Du rackerst Dich ab in Haus und Garten, unermüdlich hetzt Du von der einen in die andere Ecke. Abends klagst Du dann, dass Du nur so wenig geschafft hättest, und so viel noch zu tun sei. Auch wenn Du krank bist oder Schmerzen hast, hält Dich das nicht von der Arbeit ab.

Wenn eines Deiner Kinder mit einem Wunsch zu Dir kommt, reagierst Du im Stress oft ungehalten, aber dann versuchst Du doch, die Wünsche bestmöglich zu erfüllen.

Wir, das heißt Deine Mutter, Dein Bruder, und auch ich, machen uns Sorgen um Dich und Deine Gesundheit. Mir scheint es, als willst Du seit dem Tod Deines Vaters seine Aufgaben mit übernehmen, auch um Deine Mutter zu entlasten.

Deine Frau ist Dir mit ihrer destruktiven Kritik auch keine Stütze. Vor Jahren hatte ich im Scherz gewettet, dass Eure Ehe nicht lange hält, niemand hat dagegen gesetzt. Mittlerweile ist mir in der Hinsicht nicht mehr nach Scherzen zumute.

Was auch immer der Grund für Deinen großen Arbeitseifer ist, Ablenkung, Kompensation, der Versuch Deine Frau zu halten oder zurück zu gewinnen, ob Du versuchst Dir selbst oder irgend jemandem etwas zu beweisen, ich weiß es nicht. Ich weiß auch nicht ob oder wie ich Dir helfen kann. Oder ob Du überhaupt Hilfe benötigst.

In gewisser Weise bewundere ich ja Deine Energie. Aber ich habe das Gefühl, dass das nicht ewig gut geht. Die Grenzen Deiner Belastbarkeit musst Du selbst erkennen und berücksichtigen, das kann Dir niemand abnehmen.

Lena

Glücksmoment

Liebes zukünftiges ich,

ich möchte, dass Du Dich an etwas erinnerst, wenn es Dir mal schlecht geht und Du Zweifel hast, oder wenn Du Angst hast, einen Fehler nicht wieder gut machen zu können.

Erinnere Dich an den Augenblick neulich, bei dem Dir, so kitschig wie es eben ist, vor Rührung selbst die Tränen in den Augen standen (und sag nicht, dass das nur daran liegt, dass Du nah am Wasser gebaut bist). Den Moment in dem Du mit erschütternder Klarheit erkannt hast, dass

Du genau so bist, wie Du gemeint bist,
genau da stehst wo Du hingehörst,
dass Du wertvoll bist und geliebt wirst.

Alle Deine Eigenheiten, Deine Stärken und Schwächen, Deine Fähigkeiten und Talente, Deine Wünsche und Träume fügen sich zu einem wunderbaren Menschen zusammen. Vergiss das bitte niemals.

Lena

Haushalt

Liebe Schwiegermutter,

ich habe mich daran gewöhnt, wenn wir bei Dir sind Dir zwar meine Hilfe anzubieten, aber von einigen Dingen die Finger zu lassen.

So trage ich zwar nach dem Essen das schmutzige Geschirr in die Küche, aber optimal im Geschirrspüler verstaust Du es besser selbst. Auch die Einkäufe richtig in den Kühlschrank zu räumen überlasse ich besser Dir. Bei dem jeweiligen ersten und gleichzeitig letzten Versuch Dir dabei zur Hand zu gehen, hattest Du mir deutlich genug zu verstehen gegeben, dass ich es falsch mache (wie auch andere Haushaltsmitglieder, die diese Erfahrung schon früher gemacht haben, und sich daher auch schon lange zurückhalten).

Nicht, dass ich es Dir übel nehme, dass Du ein eigenes System dabei hast, und es lieber schnell selbst erledigst, als es mir für die seltenen Besuche zu zeigen. Ich hoffe, Du wirfst uns nicht eines Tages vor dass wir Dich zu wenig im Haushalt unterstützen.

Vor einiger Zeit habe ich einen Roman gelesen, der im 19. Jahrhundert spielt. In einem kurzen Absatz wurde erzählt wie eine junge Frau, so wie es üblich war, bevor sie heiratet ein halbes Jahr bei den zukünftigen Schwiegereltern verbringt, um die Haushaltsführung zu erlernen. Nicht, weil sie es zuvor nicht konnte, sondern um es richtig zu machen, so wie der Gatte es von seiner Mutter gewohnt ist. Ich bin froh, dass ich viel später geboren bin und nicht in dieser „guten alten Zeit“.

Hinweise, wie etwas besser zu erledigen ist nehme ich im Allgemeinen dankend an. Dabei  behalte ich mir vor, sie gegebenenfalls zu ignorieren. Aber wenn es als Vorwurf und Tatsachenbehauptung formuliert ist, zum Beispiel:

So wird das doch nie sauber!
Das passt doch da überhaupt nicht rein!
Kein Wunder, das kann gar nicht schmecken!

passiert mir schon mal, dass ich das persönlich nehme.

Nur zur Erinnerung für Deinen Besuch:

Mein Haushalt, mein System. Halte Dich zurück!

Lena

Besuch

Liebe Schwiegermutter,

im Alltag denke ich meistens, dass mich die Kalkränder am Wasserhahn, die Staubsammlung hinter der Tür oder das Spinnennetz am Fensterbrett nicht stören. Aber seit Du uns einen Besuch angedrohtkündigt hast schreien mir diese Dinge geradezu entgegen. Besonders wenn ich an Deine Kritik an meiner Schwägerin denke mache ich mir Sorgen, was Du über mich denken wirst.

Und dass obwohl mich auf der anderen Seite stört, wenn Du Dir Sorgen machst, bei Dir könnte es nicht sauber und ordentlich genug sein wenn Besuch kommt. In der Situation versuche ich Dir immer zu verstehen zu geben, dass es dem Besuch sehr wahrscheinlich weniger unangenehm auffällt als Dir selbst, aber das willst Du immer nicht hören.

Genau so wenig wie ich mir jetzt einreden kann, dass Du mich gar nicht so schlimm beurteilen wirst wie ich jetzt befürchte.

Ich kann Dir ja schlecht verbieten überhaupt zu kommen, und irgendwann hat das Hinauszögern auch ein Ende. Also lieber noch ein paar ohnehin nötige Reparaturen erledigen und dann Augen zu und durch.

Lena

Einschränkung

Liebe Schwiegermutter,

viele Dinge schränken Dich ein. Und manchmal schränkst Du Dich auch selbst ein, wenn Du keine Hilfe in Anspruch nehmen willst. Das ist mir schon im Zusammenhang mit dem Tod Deines Mannes aufgefallen, dass Du die Angebote der Nachbarn kaum angenommen,  und nur aus dem engeren Familenkreis Unterstützung akzeptiert hast.

Ich verstehe schon, dass es zu persönlich wäre die Nachbarin beim Ausräumen der Schränke dabei zu haben. Da waren vielleicht auch Dinge dabei, die Du selbst lieber nicht gesehen hättest. Aber den ausgeräumten Schrank und das nicht mehr benötigte Bett für den Sperrmüll zerlegen und vor das Haus schleppen? Ich weiß nicht, warum diese Aufgaben Deine Söhne nach Feierabend oder am Wochenende erledigen mussten, während der Nachbar mit dem Hilfsangebot bei Dir abgeblitzt ist.

Anhand der Bedenken die Du zu Deiner Außenwirkung bei der Organisation der Beerdigung hattest, könnte ich mir vorstellen, dass Du befürchtest nicht zu hundert Prozent den Erwartungen an eine trauernde Witwe zu entsprechen. Vielleicht denkst Du, jemand könnte Dir vorwerfen, dass Du zu schnell die Erinnerung an Deinen Mann loswerden willst. Auch wenn es nach ein paar Monaten nur verständlich ist, dass Du die Räume alleine anders nutzen möchtest als Ihr das zu zweit getan habt.

Bei anderen Dingen denke ich, dass Dir Deine Eitelkeit im Weg steht. Aber ob Du wirklich weniger alt wirkst, wenn Du Dich in der Öffentlichkeit brillenlos an den Arm Deines Sohnes stützt, statt mit Brille und Rollator selbst mobil zu sein? Auf den Einkaufswagen im Supermarkt gestützt merkst Du doch auch, dass Du damit sicherer auf den Beinen bist.

Aber was weiß ich schon wie ich selbst in Deiner Situation handeln würde. Ich sage mir zwar oft, dass mir nicht so viel am Urteil anderer liegt, zerbreche mir dann aber doch lange den Kopf darüber, wie dieses oder jenes rüberkam.

Lena

Narren

Liebe Schwiegermutter,

in diesem Jahr waren wir wieder nicht auf einem Karnevalsumzug. Du selbst warst ja wegen gesundheitlicher Probleme schon lange nicht mehr bei einem Umzug dabei. Aber immer wenn wir die Kinder mitgenommen haben, hast Du interessiert ihre Verkleidungen bewundert und Dich gefreut, wenn sie begeistert erzählt haben.

Du wolltest voher wissen, wo wir uns hin stellen werden. Die Orte und die Route, die der Umzug nehmen würde kanntest Du noch von früher. Und wenn der Umzug im Fernsehen übertragen wurde, hast Du immer darauf gelauert uns zu sehen. Jedes Jahr wurde  diese Hoffnung aufs neue enttäuscht. Ich bin halt auch nicht unbedingt darauf aus, mich im ärgsten Gedränge in die erste Reihe zu schieben, damit Deine Enkelkinder kurz in eine Kamera winken dürfen. Zu meinem Glück haben sie es auch nie eingefordert.

Danach hast Du auch noch einmal gemeinsam mit uns die Zusammenfassung in den Regionalnachrichten angesehen. Vielleicht zeigen sie ja auch Mitschnitte, die vorher nicht zu sehen waren. Dann konnten wir auch erzählen, welcher Wagen uns am besten gefallen hat und bei wem es die meisten Süßigkeiten gab. Am nächsten Tag hast Du dann die Zeitungen durchsucht, wenn schon kein Filmschnippsel, vielleicht ist ein Foto dabei?

Ich kann auch schwer einschätzen, wie es mir selbst gehen würde, wenn ich so eingeschränkt in meinem Bewegungsradius wäre wie Du. Du willst die Kinder aufwachsen sehen, und kannst ihnen nicht so weit folgen, wie Du es gerne möchtest.

Irgendwann werden Dich die Kinder ganz abgehängt haben. Nicht nur so einzelne Veranstaltungen an denen Du nicht teilnehmen kannst, sondern auch mit ihren Interessen. Vielleicht hoffst Du, wenn es soweit ist,hast Du Erinnerungsstücke daran wie es war, als sie noch vom Straßenrand aus dem Karnevalsumzug zugesehen haben. Und Du konntest ihnen so nahe wie möglich sein, ohne das Sofa zu verlassen.

Lena